Der Tiger in Sumatra (Teil1)

Drei Jahre bin ich nun in Asien unterwegs, und die Suche nach einem weisen Meister der Kampfkunst gestaltet sich doch schwerer, als ich erwartet hatte. Die Motivation und meine innere Stimme sowie meine Träume halten jedoch immer noch an. Der Antrieb, einmal mein Ziel zu erreichen, ist in mir wie am ersten Tag. Viele Dinge sind bis dato geschehen, denn wenn einer eine Reise tut, kann er etwas erleben (erzählen). Natürlich kann ein Tourist, der zwei Wochen mit Vollpension bucht, dies bestimmt auch. Die Inhalte der Erzählungen werden sich jedoch erheblich von denen eines frei reisenden Menschen unterscheiden, der beseelt von einem Freigeist auf der Suche nach der Tiefe des Lebens ist.

In den drei Jahren habe ich China, Thailand und Malaysia erlebt, die Kultur durchquert, die Sprache kennengelernt und wundervolles Essen genießen dürfen. Sumatra aber war schon immer mein Traum gewesen, und nun bin ich hier angekommen, mit einer Fähre aus Malaysia. Der erste Eindruck nach dem Verlassen des Ankunftshafens Medan war wie ein Zeitsprung. Erinnerungen aus meiner Kindheit aus einem Buch, dessen Titel ich nicht mehr weiß, stiegen wie eine Diashow in mir auf. Das fein mit Tuschzeichnungen illustrierte Buch gab seine Bilder in mir wieder preis. Ich beschloss, ihm seinen fantasievollen Lauf zu lassen, und suchte einen Teestand auf. Dort setzte ich mich hin und bestellte eine Kanne Tee. Sumatra-Tee ist sehr stark, so die Informationen meiner Geschmacksknospen. Schwarz wie der Kaffee und mit ähnlicher Wirkung. Ich schloss die Augen und ließ nun den Duft sowie die Geräuschkulisse dieses geschäftigen Ortes langsam in mich eindringen. Diese Angewohnheit hatte sich im Laufe meiner dreijährigen Reise entwickelt: einen neuen Ort mit den Sinnesorganen zu erfassen, sitzend, schweigend, manchmal die Augen schließend, und dazwischen einen warmen Schluck des einheimischen Tees zu genießen. Als ich also noch ein Junge war, war das größte vorstellbare Abenteuer, das ich mit dem Wort Sumatra verband. Sumatra, Dschungel, umgeben von Wasser, in dem sich Haie, Wale und Riesenrochen tummelten, der Tiger, der sich durch das dichte Urwaldgestrüpp schlich, das kleine Sumatra-Nashorn, das im Schatten der Bäume rastete, die riesigen, lautlosen Schmetterlinge und nicht zu vergessen das nächtliche Geschrei der Tiere, das durch den ganzen Dschungel hallte. Nun ist der anregende und starke Tee getrunken, und meine Kindheitserinnerungen an das Buch hörten auf.

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In der Nähe des Fährhafens befand sich auch der Busterminal, den ich in einem zehnminütigen Fußmarsch erreichte. Busbahnhof gefunden, ja, aber welche Linie wollte oder sollte ich nehmen? Eine Adresse hatte ich in Malaysia von einem Silat-Großmeister erhalten. Wenn du die einheimische Kampfkunst Silat erlernen möchtest, dann reise zu folgendem Ort: Bukittinggi. Dort wirst du Erfolg haben, denn in der Nähe befindet sich der Geburtsort der Kampfkunst Pencak Silat. Meine Sumatra-Landkarte zeigte mir, dass es keine direkte Verbindung mit einer Straße durch den Dschungel dorthin gab. Die Landkarte, die ich dem Ticketverkäufer zeigte, erregte viel Aufsehen. Die Menschen dort schienen noch nie Sumatra als Ganzes auf einer Karte gesehen zu haben. Mehrere Sumatranesen beugten sich über diese Karte und fragten, wo sie / wir gerade sind. Sie lachten aus Freude, als sie es erkannten, und berührten mit ihren Fingern den Ort, als würden sie damit das Wissen über die geografische Lage aufsaugen können.

Mit dem Busticket in der Hosentasche wartete ich in der gleißenden Mittagssonne auf den Bus, der mich zu meinem nächsten Abenteuer auf der Suche nach einem echten Meister der Kampfkunst, Philosophie und Weisheit bringen sollte. Viele hatte ich bis dato getroffen: alles gute, liebe und herzliche Meister, aber irgendetwas hatte immer für mich gefehlt. Oder war diese Vorstellung davon nur meine träumerische Fantasie, die befriedigt werden wollte, aber vielleicht gänzlich realitätsfremd war? Der Bus kam an, total überladen. Im Inneren war alles vollgepackt mit Menschen, und die Hühner und anderes Kleinvieh auf dem Dach machten ihre Musik zum Gebrummel der Fahrgäste. Es war Endstation für alle Passagiere nebst ihrer mitgereisten Tiere. Nachdem das geschäftig anmutende Treiben des Aussteigen und Gepäckaufnehmens sich dem Ende neigte, stieg ich in den nun leeren Bus. Der Fahrer wechselte, der neue Fahrer machte sofort seine Arbeit und fragte mich nach meinem Ticket. Er war mehr daran interessiert, woher ich kam und warum ich gerade nach Sumatra wollte. Mit den wenigen Wörtern, die ich auf Indonesisch kannte, und auf Englisch erklärte ich es ihm. Überall die gleichen Fragen des Interesses in allen Ländern. Da ich schon Profi darin war, diese Fragen zu beantworten, kostete es mich immer weniger Zeit, diese zu befriedigen. Ich suchte mir den Sitzplatz hinter dem Fahrer aus. Um mich herum waren als erstes alle Plätze belegt, denn jeder wollte in der Nähe eines solchen seltenen Exemplars aus Europa sitzen. Manche fassten mich an und wollten die Haut spüren, andere wiederum kamen mit ihren Nasen nah heran, um einen Duft von mir zu ergattern. All das war ich schon gewohnt und ließ alles lächelnd über mich ergehen. Mein Kopf lehnte sich an die Scheibe, und der Bus fuhr endlich los. Schon bald breiteten sich Düfte im Inneren des Busses aus. Die meisten Passagiere holten sich ihr Reiseproviant und platzierten es geschickt auf ihrem Schoß, während der Bus wie ein Schiff schaukelte. Über ihre Hände gossen sie Wasser zum Reinigen und begannen dann mit einem glücklichen Gesichtsausdruck, mit den Händen ihr Mahl aufzunehmen. Meinen Kopf hatte ich mittlerweile nicht mehr an der Scheibe, zu oft war er durch eine Bodenwelle fest gegen die Scheibe geknallt. Der Magen war voll von dem Essen einiger Mitreisenden, das sie mir anboten. Keines der angebotenen Speisen konnte ich identifizieren, aber es schmeckte extrem gut.

Bis jetzt wußte ich noch nicht das mich dieser Bus zu einer Begegnung mit einer der kraftvollsten und mutigen Jäger der Tierwelt fahren würde. Den Tiger…

Teil 2 coming soon stay tuned

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